Kriegerprinzessin Leia

Titelbild ist von quin-ones.

Ich bin schon so gespannt auf den nächsten Star Wars Film und vor allem darauf, wie sich Prinzessin Leia entwickelt. Leia – eine Kriegerprinzessin? Anfangs war meine Antwort eindeutig: Ja und wie! Aber nach und nach kamen Zweifel auf…

Stecken wir zuerst die Kriterien ab:

princessleia
Prinzessinnen-Status

Als geheime Tochter von Queen Padmé Amidala und durch ihre Adoptiveltern hält sie sowohl offiziell, als auch inoffiziell königlichen, bzw. politischen Führertitel. Ihr offizieller Name Organa vereint das Natürliche (Organismus) und das Geordnete, Institutionelle (Organisation) – sozusagen eine natürliche Ordnung. Dieser wird über die Namen der leiblichen Eltern mit einer liebenswürdigen, freundschaftlichen (Amidala) und einer göttlichen (Skywalker) Bedeutung ergänzt. Prinzessin sein, ist in Star Wars aber mehr als nur ein gesellschaftlicher Status und Geburtrecht, sondern eine große Verantwortung. Denn als Prinzessin von Alderaan ist sie auch Mitglied des Imperial Senate. Aufgrund dieser politischen Verantwortung und ihrer hohen Ideale begibt sie sich in höchste Gefahr und führt die Rebel Alliance gegen das Galactic Empire an.

Dies führt uns zu ihrem zweiten Merkmal:

PrincessleiaheadwithgunKriegerinnen-Status

Die Rebellion gegen die Unterdrückung des interstellaren Regimes erfordert Mut, Kampfgeschick und Härte: So widersteht sie Darth Vaders Foltermethoden, schießt sich an der Seite von Jedis aus heiklen Situationen oder stranguliert üble Alien-Mafiabosse. Barbara L. Baker zieht sogar die Verbindung zur griechischen Kriegsgöttin:

The first Goddess aspect, the Maiden, is seen in the purity (virginity) of Leia, who wears white and at first coldly rebuffs Han’s attempts to romance her. She is independent, tough, and devoted to duty. Like Pallas Athena, she is related to associated with men and men’s laws, a “goddess of wisdom, warfare and justice”

Neben ihrer Zielsicherheit mit der Laserpistole verfügt sie sogar über Jedi-Fähigkeiten – wenn sie auch nicht ausgebildet wurden. Denn als Tochter des größten Jedi/Sith ist die Kraft mit ihr. So verwundert es nicht, dass Yoda auf Obi-Wans Feststellung, “That boy is our last hope”, entgegnet: “No, there is another.” Die Hoffnung ist auch im Titel des vierten Teils, in dem Leia und Luke erstmals auftreten, enthalten. Doch worauf bezieht sich letztlich die Hoffnung? Auf Leia oder Luke?

Matriarchat vs Patriarchat

Rufen wir uns vorher die politische Grundstruktur der bisherigen Star Wars Filme ins Gedächtnis: Zu Beginn waren die Old Republic, eine vor allem von Frauen regierte Demokratie, und die männlich dominierte Kriegerkaste der Jedis. Diese (paradiesisch) harmonische Ausgangssituation wird vom männlichen Machtbestreben der Siths (auch wenn Barbara L. Baker dem Death Star den “terrible mother”-Mythos zu Grunde legt) bedroht und letztlich durch deren Regime zerstört. Leia und Luke sind die letzten Reste der alten Gesellschaft. Leia kämpft für das Matriarchat (den politischen Weg ihrer Mutter) und Luke für das Patriarchat (den konfliktreichen Weg seines Vaters).

A New Hope (Star Wars Episode IV) beginnt mit Leia als widerspenstiger Opferprinzessin, die von den Helden Luke und Han Solo gerettet wird. Trotz ihres Mutes, Widerstands nicht nur gegenüber dem Bösen sondern auch den männlichen Avancen der Helden und ihrer eigentlichen gesellschaftlichen Überlegenheit bleibt sie bis zum Ende des Films den beiden Tropen “Love Interest” und “Damsel in Distress” verhaftet. Jegliche Emanzipation geht besonders in den darauf folgenden Teilen verloren. Immer mehr rückt die gleichberechtigt kämpfende Rebellenprinzessin in diese beiden Tropenklischees: Sie wird zum ständig in Not geratenden Opfer und zum Liebesobjekt der beiden ins Rampenlicht gerückten Helden. Was bedeutet das jedoch für die zuvor beschriebene Grundstruktur: leiaslaveLeia war die hybride Figur einer Kriegerprinzessin, eine Matriarchin die männliche Gewalt für ihre Ziele nutzt. Sie wurde vom patriarchalen Unterdrücker gefoltert (Bakers und psychoanalytische Interpretationen zu Folge sogar vergewaltigt) und folglich entkräftet und zum Liebesobjekt degradiert. Die Liebschaft mit einem Rangniedrigeren, Han Solo, ist das soziale Indiz für ihre Entmachtung nach außen. Das kennen wir doch schon? Ja von Brünhild und Mulan! In Star Wars Episode VI wird das Ganze noch verdeutlicht: Aus Liebe (Schwäche) für Han Solo wird sie als Sexsklavin gefangen genommen und verliert augenscheinlich jede Unschuld und athenische Stärke – aus weißer Keuschheitsrobe wird ihr metal bikini, aus Kriegerprinzessin wird Sexobjekt. Mehr dazu in Donna Dickens Artikel.

New Hope?

Also wer ist nun die neue Hoffnung? Anfangs sind die Zwillinge noch eng verbunden, nicht nur durch die Alliteration und die gemeinsamen Eltern. Sie kämpfen auch für das selbe Ziel und gegen den unterdrückenden, allmächtigen Vater. Soviel sie auch verbindet, soviel trennt sie auch: Denn sie personifizieren das weibliche und männliche Machtprinzip. Auch wenn die Machtverhältnisse am Anfang noch nicht eindeutig sind, da Leia als Rebellin und Kriegerin durchaus den Jedis näher ist als Luke. Erst durch die Ausbildung zum Jedi und seine väterlichen Mentoren gewinnt Luke seine neue Identität vom Sklaven zum Held. Dafür kehrt sich jedoch auch Leias Situation um und aus der Kriegerin wird die Sklavin (der Liebe).

Etliche Stimmen im Internet gehen sogar noch weiter und werfen Leia nach ihrer Transformation sogar eine vernichtende Frauenfeindlichkeit vor:

Androgynität als Rettung

Diese Transformation geschieht auch auf der Ebene der Genderrollen: Becker sieht die Transformation von Luke in einer vom Maskulinen zum Androgynen, also ein Annehmen des Weiblichen. Projizieren wir das auf Leia: Sie war anfangs die starke Androgyne, und ihre Wendung zum Weiblichen schwächt sie. Das Androgyne ist in Star Wars folglich Stärke, aber die Hinwendung zu klassischen Geschlechterrollen bedeutet Vernichtung und Schwäche. Baker folgert:

Thus the representation of androgyny as rhetorical strategy employed by the filmmaker, can be used both to silence women before they can “speak,” suppressing what needs to be exposed (i.e. that women are oppressed), but also present altered models of heroic action which might create social transformations. In this way, androgyny can provide a “third space” that destabilizes the binary oppositions of male/female.

Wie Lukes Heldenreise aus der Krise des Männlichen und seiner Transformation bekommt auch die Geschichte von Leia noch einen Hoffnungsschimmer, denn durch die Ermordung des Vergewaltigers kehrt Leia zu ihrer androgynen Kämpferinnenidentität zurück. Doch nicht mir so frech und selbstbewusst wie am Anfang und nur im Beisein der männlichen Helden. Die Endszene und die Erscheinung der drei Jedis deutet Baker als die Wiederherstellung des “guten” Patriarchats:

Further, the connection of evil and feminity permits the male hero to once again rescue the “good” patriarchal power from the “terrible mother.”

Mary Poppins Theorie

Auch wenn ich der Deutung von Darth Sidious als weibliches Archetyp nicht gänzlich zustimmen kann, fällt doch auf, dass die Absenz der Mutter die Heldenkonflikte eigentlich ausgelöst hat. Darauf kam ich durch eine etwas quere Analogie. Denn jedes Mal beim Einspielen des Death March musste ich sofort an Mary Poppins “Sugar”-Lied denken; zur Erinnerung:

Es ist nur diese ähnliche Refrain-Melodie und doch kam mir gleich ein Gedanke: Mary Poppins hätte all diese Konflikte lösen können und den Frieden herstellen können: Mit einem Löffel voll Zucker, Spaß und mütterlicher Fürsorge vereinte sie bereits einst den entfremdeten Vater mit seiner Tochter und seinem Sohn. Was wäre wohl aus dem Galactic Empire geworden, wenn Mary Poppins auf ihrem Schirm geflogen käme…

Spaß bei Seite – da alle bisherigen Mutterfiguren (Padmé, Shmi, Lukes Tante Beru und Leias Adoptivmutter Breha) grausam umkamen, müssen sowohl Luke als auch Leia mit ihrem Verlust klar kommen. Denn wie auch Luke hat sie nicht nur die Vernichtung ihrer Ersatzfamilie bezeugt und verantwortet, sondern ist der Mörder ihrer Adoptivfamilie ihr eigener Vater!? Der Konflikt von Luke und sein ruhmreicher Sieg ist bekannt, doch wie steht es um Leia? Ist sie so stark und hart? Oder ist ihr Konflikt nur nicht im Rampenlicht ausgetragen? Wendet sie sich daher vom emanzipierten, androgynen Kriegerinnendasein ab und nimmt die Rolle der umsorgenden Mutter/Ehefrau/Schwester an?

Nachtrag, am 26.12.2015 (SPOILER)

leia7-1Die Vorfreude hat sich gelohnt, Episode VII: The Force Awakens hat einige Fragen beantwortet und umso mehr aufgeworfen. 30 Jahre später scheint Leia in ihrer Anfangsrolle als Anführerin der Rebel Alliance. Sie ist wieder ohne Partner, aktive und unabhängige Strategin, schlagfertig und androgyn. Letzteres wird nicht nur durch ihr dezent, maskulines Äußeres betont, sondern in der deutschen Fassung wird sie auch oft schlicht „der General“ genannt. Was ist also mit der domestizierten Leia passiert? Warum hat sich Han Solo von ihr getrennt?

Aus Dialogen erfährt der Zuseher, dass Leia einen Sohn mit Han Solo hat. Doch das Familienglück scheitert daran, dass ihr Sohn Ben sich der dunklen Seite zuwendet. Warum er dies tut? So explizit wird dies nicht erzählt, aber Leia deutet an, dass frühe Anzeichen sie bewogen, Ben als Jedi-Schüler zu Luke zu schicken. Sie (und auch Han) entzieht sich somit ihrer Elternrolle und übertragt sie auf ihren Bruder. Ist es ein Scheitern an weiblichen Rollenbildern oder gar Kalkül? Denn letztlich verliert sie nicht nur ihren Sohn, sondern auch ihren Mann und ihren Bruder, die sich beide aus Trauer und Schuldgefühlen zurückziehen. Leia hingegen gewinnt ihre einstige Androgynität und Machtposition durch die Absenz der Patriarchen zurück.

leia-7Im Film, dann das große Aufeinandertreffen von Leia und Han nach jahrelanger Trennung – mit Sticheleien und freundschaftlich distanziert, wie am Anfang. Einzig das Gespräch über Ben bringt die Beiden einander näher. Doch sie schickt Han fort, um den verlorenen Sohn zurück zu holen. Was hält sie zurück, selbst zu gehen oder Han zu begleiten? Ist es ihre Pflicht gegenüber der Rebel Alliance? Traut sie sich den Kampf nicht mehr zu? Oder weiß sie um die Gefahr? Immerhin ist die Kraft so stark in ihr, dass sie auch den Tod von Han spürt…

Die Serie geht weiter mit FantaghiróMeridaDaenerysMulanXena, Brünhild, Athena, Sailor Moon, Zelda, Taundril, Mononoke und Wonder Woman!

Quellen:

George Lucas: Star Wars Episodes I – VII. 1977 – 2005.

Barbara L. Becker: Myth and Gender in “Star Wars”: Androgyny as Rethorical Response to Patriarchal Crisis. 

Donna Dickens: The Terrible Unspoken Implications of Star Wars’ Slave Leia. 2014 http://www.hitfix.com/comedy/the-terrible-unspoken-implications-of-star-wars-slave-leia#yMu67cQJmXc6tfIv.99

Megan Kearns: Women in Science Fiction Week: Princess Leia: Feminist Icon or Sex Icon? 2012 http://www.btchflcks.com/2012/08/women-in-science-fiction-week-princess-leia-feminist-icon-or-sexist-trope.html#.VTtaDFw5hFQ

After Hours: Why Star Wars is Secretly Terrifying for Women. 2011 https://www.youtube.com/watch?v=V2uNKqcsAeg

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